Die Rolle von Innenminister Beckstein

Fortsetzung

Der Ablauf danach ist weitgehend bekannt: Eine Suchkommission wird eingesetzt und findet nicht den Hauch einer Spur zu dem Mädchen, alle Medienberichte liefern keinen Erfolg. Die Ermittlungen wurden gegen einen Tatverdächtigen eingestellt, was allerdings nicht lange währte. Dem damaligen bayrischen Innenminister und späteren Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein war das Such- und Ermittlungsergebnis im Fall Peggy ein Dorn im Auge. Kurzerhand setzte er eine neue Kommission ein, diesmal unter der Leitung seines damaligen Starermittlers Dr. Wolfgang Geier, dem viele Ermittlungserfolge nachgesagt wurden, die allerdings größtenteils, wie sich später herausstellte, mit mehr oder weniger dubiosen Mitteln zustande kamen.

Die Rolle des Innenministers in diesem Fall dürfte dabei eine andere gewesen sein als die Parole, dieser Fall müsse um jeden Preis vollends geklärt werden. Aber der Reihe nach, um auch alles richtig verstehen zu können.

Meine Recherchen, die ich zum großen Teil in Lichtenberg und anderen Orten persönlich vorgenommen habe, brachten mich schnell zu dem Schluß, daß das Jugendamt am Verschwinden von Peggy beteiligt war. Dafür sprechen mehrere Ereignisse, wobei mir bis heute allerdings nicht ganz klar geworden ist, ob das mit oder ohne Absprache mit Peggys Mutter geschehen ist.

1. Peggy ist kurz vor ihrem Verschwinden in auffällig geworden in einer Weise, die nicht der Entwicklung eines 9jährigen Mädchens entspricht.

2. Peggy war zusammen mit ihrer kleineren Schwester von Donnerstag vor Ostern bis Ostermontag bei den Großeltern in Schwarzenbach. Während die Schwester durchgehend dort blieb, wurde Peggy am Karfreitag abgeholt und Ostersamstag zurückgebracht. Was ist in dieser Zeit mit Peggy geschehen? Bekannt ist, daß ein Pädophiler sich in dieser Zeit in Lichtenberg aufhielt und der Peggy nach seinen Worten wie seine Schwester betrachtete. Spekulationen dazu erspare ich mir.

3. Für eine Verletzung, die im Zeitraum Karfreitag/Ostermontag bei Peggy am Kinn entstanden ist, gibt es drei unterschiedliche Erklärungen. Die Großeltern sagen etwas anderes als die Mutter.

4. Peggys Vater hat sich für gut zwei Wochen nach dem Verschwinden für einen Besuch in Lichtenberg angekündigt, um Peggy ein Geburtstagsgeschenk persönlich zu übergeben. Angeblich hatte er zu der Zeit Peggy länger als sechs Jahre nicht mehr gesehen.

5. Am 7. Mai 2001, also am Tag ihres ominösen Verschwindens, sollte Peggy pünktlich um 14 Uhr von der Schule zu Hause sein. Das Warum erschließt sich bis heute nicht, denn es war ja niemand dort, der auf sie gewartet hätte - zumindest nicht aus der Familie. Peggy hätte also von 14 bis etwa 20.15 Uhr, wenn die Mutter von der Schicht heimkam, ganz allein in der Wohnung verbracht.

5. Ebenso am 7. Mai kam die Mutter völlig verheult zu spät im Altenheim an. Als Grund gab sie an, sie hätte am Vortag mit den Kindern Fensterbilder gemalt und auf die Farben allergisch reagiert. Eine Aussage, die fragwürdig ist, da Kinderfarben keine Allergene enthalten. Zudem dürfte die Allergie nicht dazu geführt haben, daß die Mutter so durch den Wind war, daß die Ärztin sie nicht gegen Grippe impfen wollte.

6. Bekannt ist, daß Peggy abends oft bis spät durch Lichtenberg gestreunert ist, ohne daß gefragt wurde wo sie ist/sein könnte. Am 7. Mai stellte die Mutter gegen 20.15 Uhr völlig überrascht fest, Peggy ist ja noch gar nicht daheim. Warum und warum ruft sie diverse Leute an, wenn die Abwesenheit von Peggy zu der Zeit bis dahin völlig normal ist? Gut zwei Stunden säter erstattete sie Vermißtenanzeige.

7. Noch, bevor die Polizei überhaupt richtig tätig werden konnte, lagen bereits diverse Suchflyer mit unterschiedlichen Datumsangaben vor, zudem beinhalteten sie Bilder von Peggy, als sie noch um Jahre jünger war (in dem Alter hört sich das komisch an, doch gerade dann verändern sich Kinder gewaltig).

8. Wenige Tage nach dem Verschwinden begann die Mutter damit, Peggys Sachen zu entsorgen. Begründung: „Meine Schnegge kommt eh nicht wieder“. Wie kann eine Mutter soetwas behaupten? Es sei denn, sie weiß mehr.

9. Nur wenige Tage nach dem Verschwinden verteilte Peggys vermeintlicher Vater in der tschechischen Kinderpornoszene Suchflyer. Wie er darauf kommt? Die Antwort auf diese Frage ist er bis heute schuldig geblieben. Wir erinnern uns. Nach eigenen Angaben hat er Peggy vor dem Verschwinden mehr als sechs Jahre nicht gesehen. Und genau deswegen rennt er in die KinderPornoszene, wo die Frage erlaubt ist, woher er die überhaupt kennt.

10. Wozu wurde für ein nicht auffindbares Kind kurz nach dem Verschwinden ein neuer Ausweis ausgestellt und wozu sollte der dienen, zumal der vorhandene noch ein Jahr gültig war?

Es spricht alles dafür, daß die Vermißtenanzeige der Mutter nur dazu gedient hat, in der kleinen Stadt, in der sie ohnehin nicht angesehen war, ihr Gesicht zu wahren. Die Polizei muß das ersteinmal glauben und wird den Katalog für die Vermißtensuche aktivieren.

Doch was gewegt einen Innenminister dazu, in die Ermittlungen nach einem vermißten Kind einzugreifen?

Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wenig Hintergrundwissen erforderlich, das allerdings mit einem einzigen Satz beantwortet werden kann:

Dr. Günther Beckstein war als bayrischer Innenminister nicht nur der oberste Chef der Polizei, sondern ihm unterstanden die Jugendämter in Bayern seiner Überwachung!

Das ist übrigens die bis heute einzige schlüssige Erklärung für sein Eingreifen in die Ermittlungen mit einem Ermittler, von dem er von vorn herein wußte, daß dieser das passende, also das gewünschte Ergebnis liefert.

Wenn wir davon ausgehen, daß das Jugendamt Peggy gegen 14 Uhr abgeholt hat (das würde auch erklären, warum Peggy um 14 Uhr zu Hause sein sollte, warum die Mutter 14 Uhr als Zeitpunkt der Abgängigkeit festgelegt hat, warum sie völlig neben der Spur bei der Arbeit erschien und warum Peggy herumerzählt hat, sie würde bald zu ihrem richtigen Vater kommen) und die Polizei nach der Vermißtenanzeige direkt mit der Suche begonnen hat, oblagen jetzt beide Vorgänge der Verantwortung des Innenministers. Ob und wie er über diese Vorgänge informiert wurde, lasse ich jetzt einmal dahingestellt. Dumm gelaufen wäre das, wenn er eines Tages zugeben müßte, daß seine rechte Hand nicht wußte, was die linke tut und umgekehrt. Das heißt, er hätte öffentlich zugeben müssen, daß er, der Innenminister und studierte Jurist, Dr. Günther Beckstein, politisch auf auf ganzer Ebene versagt hat. Das wäre unweiglich das Aus für seine weitere politische Karriere gewesen, der Posten des Ministerpräsidenten in unerreichbare Ferne gerückt. Die einzige und ehrliche Konsequenz wäre dann der Rücktritt, der wiederum zur Folge hätte, daß das Schicksal von Peggy Knobloch geklärt wäre und keine unschuldigen Menschen verfolgt und verurteilt würden.

Diese Variante bestätigt sich auch durch den Schnelldurchlauf im Wiederaufnahmeverfahren gegen den vermeintlichen Mörder. Offene Fragen, die dazu beigetragen hätten, den Fall restlos aufzuklären, wurden nicht geklärt, durften gar nicht erst angesprochen werden. Woraus auch abgeleitet werden kann, daß inzwischen bekannt ist, was mit Peggy seinerzeit passiert ist. Anders läßt es sich nicht erklären, wie das Gericht zu seinem Urteil gekommen ist und warum das Wiederaufnahmeverfahren.

Am Ende hieß es lapidar „Freispruch wegen Mangel an Beweisen. Im Zweifel für den Angeklagten“. Genau das hinterläßt den bitteren Beigeschmack, daß die Fehler im 1. Verfahren in Hof unter den Teppich gekehrt werden sollten. Und dieser Freispruch führt ebenfalls zu der Annahme, daß bestimmte Dinge, die vorgefallen sind, unter gar keinen Umständen an die Öffentlichkeit dringen dürfen. Ein solcher Vorfall könnte Bechsteins Versagen sein, denn dann bekäme sein Eingriff in das Ermittlungsgeschehen eine völlig andere Dimmension, die im Bayernlande den von vielen erhofften Paukenschlag auslösen würde.

Die bayrische Justiz hat mit dem Freispruch den Anfang für eine Aufarbeitung gemacht und muß jetzt schonungslos aufklären - ohne Rücksicht auf irgendwelche Personen oder Ansprüche. Das ist sie denen, die unter ihrem Versagen jahrelang gelitten hat, heute mehr als schuldig. Es kann nicht sein, daß eine Lüge nicht aufgearbeitet werden soll, nur weil einige „von ganz oben“ ihr Ansehen verlieren könnten. Wer von denen hat denn an die eigenen Opfer gedacht? Wer von ihnen hat bisher erklärt, die Opfer zumindest für das erlittene unrecht zu entschädigen? Wer hat sich entschuldigt?

Wenn das Jugendamt tatsächlich seine Finger im Spiel hatte und der Innenminister tatsächlich eingegriffen hat, gehört das öffentlich erklärt. Denn nur so kann Ruhe einkehren. Peggy muß ja nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden, sie wird ohnehin schon selbst darauf gekommen sein, daß dieser Schritt für sie nicht gut sein kann. Die Erfahrung zeigt ja auch in diesem Fall: Im Verschweigen sind die Behörden wirklich Weltmeister, was sie dann auch so unberechenbar macht...