Rückblick auf die vergangenen Jahre

Fortsetzung

Katrin Konert. Das immer lächelnde Mädchen aus Magdeburg-Olvenstedt. Zuletzt lebte sie im beschaulichen Wendland, genauer in Waddeweitz-Groß Gaddau, Landkreis Lüchow-Dannenberg. Ein Landstrich im Nordosten Deutschlands, wo sich im wahrsten Sinne des Wortes noch Fuchs und Hase einen Gutenachtkuß geben. Ein Fleckchen Erde, auf dem die Tageszeitung treu und brav über den Karnickelzüchterverein schreibt. Oder über die Übungen der örtlichen Feuerwehren. Weil sonst nichts los ist in diesem beschaulichen Wendland. Jedenfalls nichts, was spekulatär wäre und besonders hervorgehoben werden müßte.

Wäre da nicht der 1. Januar 2001. An diesem Neujahrstag passierte im Wendland etwas, was das bis dahin geregelte Leben völlig durcheinander brachte. Abgesehen von den Castortransporten nach Gorleben und die damit verbundenen Dauerdemonstrationen hat bis dahin niemand groß vom Wendland geredet, Und viele wußten gar nicht, daß es dieses Wendland mit seinen berühmten Rundlingsdörfern überhaupt gibt.

An diesem 1. Januar 2001 ging ein lauter Schrei durch die Idylle. Ein Kind ist nicht verabredungsgemäß nach Hause zurückgekehrt. Ein Mädchen, 15 Jahre jung. Katrin Konert heißt es. Und es wohnt in Groß Gaddau. Diese Meldung brachte urplötzlich diese Beschaulichkeit des Wendlandes völlig durcheinander. Dachte doch jeder etwas anderes. Aber jeder dachte auch nur. Mitbekommen hat eigentlich niemand etwas. Und wenn, dann war das so verschwommen, daß die Spur überall hinführte. Nur nicht zu Katrin. Und das ist bis heute so geblieben.

Der Schreck über das spurlose Verschwinden von Katrin sitzt bei den meisten Wendländern heute - sieben Jahre danach - immer noch tief. Mütter und Väter verbieten ihren Kindern weiterhin per Anhalter zu fahren, wenn keine Busse mehr unterwegs sind. Es könnte ja sein, daß dort ein Kinderschänder oder gar Mörder unterwegs ist. Unerkannt, weil Katrin ja immer noch nicht gefunden wurde. Dieser Umstand schürt natürlich die Unsicherheit. Selbst auf die Gefahr hin, daß alles ganz anders gewesen ist, als es sich bis jetzt darstellt.

Sicher ist bis heute nur: Katrin soll gegen 15 Uhr ihr Elternhaus verlassen haben. Nach Bergen/Dumme ist sie gefahren. Zu ihrem damaligen Freund, dem 30jährigen Hansi R. Ihre Eltern wußten davon angeblich nichts. Bei Mädchen in dem Alter wissen die meisten Eltern nichts. Und schon gar nichts von einem Freund, der doppelt so alt ist, als das eigene Kind.

Zoff hat es gegeben. Zwischen Katrin und ihrem Freund. Um was es dabei ging, ist bis heute noch nicht ganz klar. Katrin kann nicht dazu befragt werden. Da bleibt nur die Darstellung von Hansi übrig. Und die kann frei erfunden sein. Katrin hatte es jedenfalls vorgezogen, das Haus Bahnhofsstraße 2 in Bergen Dumme zu verlassen. Sie soll die Breite Straße hinaufgegangen sein. In Richtung Neue Straße. Wo sie schließlich unter einem Buswartehäuschen an der Ecke Heckenweg Schutz vor dem an dem Abend herrschenden Eisregen gesucht haben soll. Und genau dort will sie jemand zuletzt gesehen haben. So gegen 19 Uhr. Alles, was danach war, hat trotz intensivester Bemühungen bis heute keine Klärung gefunden. Katrin ist und bleibt spurlos verschwunden. Und in diesem Fall bedeutet spurlos auch ohne jede Spur hinterlassen zu haben. Kein Haar, keine Uhr, keine Stoffetzen, keinen Blutstropfen, keine Kippe von ihren selbstgedrehten Zigaretten. Nichts.

Für Familie Konert hat sich das Leben seit diesem schicksalhaften Neujahrstag 2001 geändert. So geändert, daß sich dort niemand mehr ein gutes neues Jahr wünscht. Jeder wünscht sich, die Tür geht auf und Katrin steht da. Wohlbehalten und so, als wäre nie etwas gewesen. Dieser Traum hält die Familie zusammen. Diesen Traum träumt sie gemeinsam. Und daran hält jeder einzelne fest.

Natürlich gibt es immer wieder Träume, die in Erfüllung gehen. Doch nach einer so langen Zeit müssen die Erwartungen ein wenig zurückgeschraubt werden. Auch, wenn in allen Richtungen weiterhin alles offen ist. Vater Frank verbietet, in seiner Anwesenheit von Katrins Tod zu sprechen. Er lebt nur für den Gedanken, daß Katrin lebt und eines Tages wieder vor der Tür steht. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Schließlich ist in allen Richtungen alles offen. Und manchmal gibt es auch kleine Zeichen.

Ende Oktober 2006 zum Beispiel. Da erhielt eine von Katrins beiden Schwestern einen ominösen Anruf. Der kam aus einer Telefonzelle in Nürnberg. Kurz war er. Nur der Hinweis auf die verschwundene Schwester und einer auf einen BMW aus Hamburg. Wie gesagt - ein Hinweis, keine Spur. Er könnte zweideutig ausgelegt werden, Denn danach kann das auf Katrin in Hamburg oder Katrin in Nürnberg hinweisen. Oder auf beides nicht.

Die Polizei hat wieder ermittelt. Ohne Spur. Ohne Ergebnis. Katrin bleibt weg!